Entwicklung der Steinheimer Möbelindustrie

Steinheimer Möbel

Seit Generationen wird Steinheim gern als Möbelstadt bezeichnet, und trotz mancher Einschränkungen spielen Holz und Möbel auch heute noch eine wichtige Rolle im Wirtschaftsleben der Stadt.

Berühmte Möbelhersteller früherer Zeiten hatten üblicherweise dort ihren Sitz, wo ihre Kunst gefragt war: In den Residenzstädten und Kulturzentren des Landes, wo sie ihre reiche und anspruchsvolle Kundschaft bedienen konnten. Dass das eher abgelegene Landstädtchen Steinheim in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen sollte, ist deshalb bemerkenswert.

Tischler hat es in der Stadt seit Jahrhunderten gegeben. Doch wie überall auf dem Lande produzierten sie auf Bestellung einfache Möbel für den täglichen Gebrauch. Im Gegensatz zu den Steinheimer Schneidern, Leinewebern und Schuhmachern besaßen sie keinerlei überörtliche Bedeutung. 1817 lebten in der landwirtschaftlich geprägten Stadt 1.832 Einwohner in 284 Wohnhäusern. Davon waren 68 selbständige Bauern, aber auch 69 Schuhmacher und Gerber und 71 Leineweber und Schneider, die durchweg über den örtlichen Bedarf hinaus ihre Waren produzierten. Dagegen waren die acht Tischler als Handwerkerstand unbedeutend.

Nachdem das Paderborner Land 1802 preußisch geworden war, wurden die Leineweber und Schneider nicht mehr durch Landesgrenzen geschützt und konnten sich nicht mehr gegen die übermächtige Konkurrenz aus dem Minden-Ravensberger Raum behaupten.

Für die weit bekannten Steinheimer Schuhmacher, die ihre Waren bis nach Holland verkauft hatten, wurden die neuen Steuergesetze zum Ruin. Um den Hausierhandel der Juden einzuschränken, belegte ihn die Berliner Regierung mit erhöhten Steuern. Auf der Strecke blieben auch die Schuhmacher, die ihre Schuhe bisher im Hausierhandel abgesetzt hatten. Die Juden gründeten Ladengeschäfte, was ihnen früher verboten war.

Hinzu kam die allgemeine Verarmung breiter Bevölkerungsschichten in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts, von der die Landwirtschaft besonders betroffen war. Von "Pauperismus" und "Höfesterben" war das ganze Land betroffen; bei uns kam der Untergang der Leineweber, Schneider und Schuhmacher hinzu. Steinheim wurde innerhalb einer Generation zum Armenhaus.

Jahrzehnte später erlebte Steinheim durch die Tischler eine neue, zuvor nie gekannte Blütezeit. "Steinheimer Möbel" als Qualitätsbegriff für höchste Ansprüche, das waren schwere, massive Eichenmöbel mit reichem Schnitzwerk, die nach den Vorstellungen der vornehmen Kunden von den Meistern entworfen und als Einzelstücke gefertigt wurden. Diese Phase begann 1864 und endete 1914.

Zwischen den Kriegen wurden zwar weiterhin hoch wertige Einzelmöbel hergestellt, daneben trat aber zwangsläufig die Serienproduktion für die anonymen Kunden der führenden Möbelhäuser. In kleinen Serien auf hohem Qualitätsniveau setzten die Steinheimer ihre traditionelle Produktlinie erfolgreich fort.

Der schon früh aufgenommene Begriff "Möbelfabrik" war damals positiv besetzt und sehr werbewirksam. Für die Möbelwerkstätten mit durchschnittlich 15 bis 30 Mitarbeitern würden wir ihn heute aber kaum verwenden.